Klaviersommer 2008

Das Grußwort zum 20. Klevischen Klaviersommer 2008 in deutsch, niederländisch und
englisch.


Alle Termine Juli/August 2008 (mit Presseartikeln und Programm)

Der Klaviersommer 2008 steht unter einem ganz besonderen Stern: die Konzerte im 20. Jubiläumsjahr haben eine Verbindung zu dem ausgezeichneten Pianisten und Klavierpädagogen "Heinrich Neuhaus", dessen familiären Wurzeln im niederrheinschen Kalkar liegen.

Heinrich Neuhaus und seine Familie:


Heinrich Neuhaus (Foto Mitte) wird 1888 in Elisabethgrad in den Schoß einer Musikerfamilie geboren. Sein Vater Gustav Neuhaus (Foto links, 1847 - 1937) kommt gebürtig aus Kalkar am Niederrhein. Er studiert in Köln unter Ferdinand Hiller und folgt nach Beendigung seines Studiums einem Ruf nach Russland, wo er später seine Frau Olga, geb. Blumenfeld (Foto rechts, 1856 - 1937) kennenlernt und mit ihr eine Musikschule gründet.
Grundstein für Gustavs experimentierfreudige Neigungen wird schon in der Kindheit in der familieneigenen Klavierbaufabrik "W. Neuhaus", später "W. Neuhaus Söhne Calcar" gelegt. Das W. steht hier für Wilhelm, den Vater Gustavs und seiner neun Geschwister. Gustav ist zeit seines Lebens mit Leib und Seele Musiker, aber auch Konstrukteur und Handwerker. So entwirft er nach eigenen Überlegungen ein Klavier mit einer halbrunden Klaviatur ("Pianino mit konkav-radiärer Klaviatur"), welches in der heimatlichen Klavierbaufabrik Neuhaus mindestens einmal gebaut wird. Das einzig erhaltene Exemplar steht heute im Instrumentenbaumuseum in Brüssel (Musée des instruments de musique).

 

 

 

 

 

 

Pianino mit konkav-radiärer Klaviatur

MIM Brüssel Inv. Nr. JT 299

 

Heinrich Neuhaus debütiert 1904 in Dortmund. Nach ausgedehnten Konzertreisen ist er ab 1905 Schüler von Leopold Godovsky in Berlin an der dortigen Kgl. akademischen Hochschule für Musik. Weitere Ausbildung erhält er von Heinrich Bart, ebenfalls Berlin, sowie in Wien in der Meisterschule der Wiener Musikakademie.

Heinrich Neuhaus erkennt als seine Stärke sehr bald das Unterrichten, nicht das Konzertieren. Nach kurzer Tätigkeit als Professor am Konservatorium von Kiew (seit 1919) geht er 1922 bis zu seinem Tode 1964 an das Moskauer Konservatorium. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Svjatoslav Richter, Emil Gilels, Radu Lupu, Igor Shukow, Lew Naumow, Victor Krainew und Elena Richter. In dem von Heinrich Neuhaus verfassten Lehrwerk „Die Kunst des Klavierspiels“ verewigt dieser sich und seine pädagogischen Ideen.

Bei Auftritten macht er sich jedoch rar. Erhalten sind einige Aufnahmen, z.B. das Klavierkonzert Nr. 1 von Frederic Chopin, Klavierstücke op. 46 von Brahms (daraus Nr. 1 Capriccio fis-moll, Nr. 3 Intermezzo As-Dur und Nr. 4 Intermezzo B-Dur) oder Interpretationen einiger Stücke von Claude Debussy, W. A. Mozart und Sergej Prokofjev.

Auch das Privatleben des Künstlers ist erwähnenswert, heiratet er doch insgesamt drei Mal – wobei die erste Ehe (geschlossen 1918) 1930 wohl in Freundschaft geschieden wird und Zinaida Nikolaevna Neuhaus danach Boris Pasternak ehelicht. Mit dem Paar verbindet Heinrich Neuhaus bis ans Lebensende eine innige Freundschaft, wie zahlreiche Briefe belegen. Mit Zinaida hat Heinrich Neuhaus zwei Kinder. Ein schwerer Schicksalsschlag ist der Tod des gemeinsamen Sohns Adrian 1945. Aus zweiter Ehe hat Heinrich Neuhaus eine Tochter Militsa, aus dritter einen Sohn Stanislav („Stasik“), dessen Sohn Stanislav Bunin das letzte Konzert des Klaviersommers 2008 geben wird!

Weitere Tragödien in Heinrich Neuhaus' Leben - neben dem Verlust des Sohnes - sind eine schwere Erkrankung (Diphterie) im Jahre 1933, sowie eine Festnahme mit anschließender Haft 1941. Heinrich Neuhaus wird verdächtigt, auf den Einmarsch zu warten, als die Hitler-Truppen nahe Moskau sind und er noch in der russischen Hauptstadt bleibt.

Über seinen Vater schreibt Heinrich Neuhaus:

„Der Vater war sehr musikalisch, besaß aber keinerlei pianistische Begabung, obwohl er sein Leben lang in die Pianistik verliebt war“,
(zit. nach Neuhaus, Militsa: Über das Leben von Heinrich Neuhaus, in: Koch , Klaus-Peter/ Niemöller , Klaus Wolfgang (Hrsg.): Heinrich Neuhaus (1888–1964) zum 110. Geburtsjahr, Sinzig 2000, S. 101)

über seine Mutter:

„Meine Mutter, wie alle Blumenfelds ein musikalisch sehr begabtes Wesen, musste seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Musik unterrichten. (...) Die Mutter war ihr Leben lang eine bescheidene, aber talentierte Lehrerin der Kinder von Elizavetgrad, die überwiegend nicht nur wenig begabt, sondern echte Banausen waren.“
(ebd., s. 104)

Die Verbindungen nach Kalkar reißen auch für Heinrich Neuhaus nicht ab. Als junger Mann ist er mit Adolfine Maria („Ada“) Neuhaus verlobt, der Tochter des Onkels Fritz Neuhaus und seiner Frau Johanna Mühlenhoff. Ada bleibt nach der Lösung der Verlobung zeit ihres Lebens unverheiratet in Kalkar. Zwei erhaltene Briefe aus den Jahren 1963 und 1964 , kurz vor Heinrich Neuhaus Tod, lassen in dem liebevollen und gefühlvollen Ton eine enge, innige Verbundenheit spüren. Er schreibt:

„Weißt Du – Du siehst jetzt in Deinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr genauso aus, wie ich mir vorgestellt habe, wenn ich Dein liebes Gesicht – Antlitz wäre besser gesagt! – mir in Gedanken und Erinnerungen vorzauberte!“

Die Briefe enden mit den Worten „in alter Liebe und Freundschaft“ sowie „Grüsse, Küsse, Liebe, Freundschaft, Dein Baas Harry“. Es wird deutlich, wie stark die Bindung an den Niederrhein und Deutschland auch in der Generation nach der Auswanderung besteht.

Am 10.10.1964 stirbt Heinrich Neuhaus in Moskau.

Weitere Einzelheiten zum Leben von Heinrich Neuhaus sind dem Konferenzbericht Köln, 23.–26. Oktober 1998 zum 110. Geburtsjahr von Heinrich Neuhaus zu entnehmen. Eine gute englische Biografie finden Sie unter http://www.ninasvetlanova.com/Neuhaus/HeinrichNeuhaus.html (copyright: Nina Svetlanova, Stand: Mai 2008).

[Barbara Mühlenhoff M.A.]

 

Foto oben: Neuhaus, Heinrich: Die Kunst des Klavierspiels, herausgegeben von Astrid Schmidt-Neuhaus, Musikverlage Hans Gerig 1967, o. A. der Seite

Foto Pianino: copyright Barbara Mühlenhoff